| Tricia Tuttle bleibt (vorerst) |
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26.02.2026 |
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Aktuell bleibt Tricia Tuttle nach der Krisensitzung im Kanzleramt vorerst Intendantin der Berlinale, ihre langfristige Zukunft an der Spitze des Festivals ist aber politisch umkämpft und noch nicht endgültig entschieden.
Bei der Sitzung mit Kulturstaatsminister Wolfram Weimer wurde keine Entscheidung über eine Abberufung getroffen; Tuttle führt die Berlinale weiter, zumindest über das laufende Festival hinaus. Auslöser der Krise waren Vorwürfe, sie habe zu lax auf propalästinensische Gesten und Äußerungen reagiert, insbesondere im Kontext des Gaza Krieges. Weimer hatte intern und über Medienkanäle prüfen lassen, ob er Tuttle abberufen könne; die taz und andere Blätter sprechen von einem politisch motivierten Versuch, „Haltung“ in Nahostfragen zu erzwingen.
Das Dilemma in dem Tricia Tuttle steckt, möchte wohl keiner mit ihr teilen. Ist sie für den einen zu unpolitisch, ist sie den anderen wiederum zu politisch, oder sie hat einfach die falsche politische Meinung.
Parallel dazu haben Hunderte Filmschaffende, Festivalmitarbeiter und internationale Institutionen in offenen Briefen und Stellungnahmen ihre Unterstützung für Tuttle erklärt und vor politischer Einflussnahme auf die Programmfreiheit gewarnt. Ob der Vertrag von Tricia Tuttle verlängert wird, hängt von Machtverhältnissen zwischen Bund/Land Berlin, dem Aufsichtsrat und der internationalen Branche ab; mehrere Kommentare warnen, ein Rauswurf würde der Reputation des Festivals massiv schaden und die politische Kontrolle über Kultur signalisieren.
Für die 76. Berlinale 2026 skizziert Tricia Tuttle im Wesentlichen drei Linien: jüngeres Publikum und Social Media stärker einbinden, das Festival als politisch offenes Diskursforum erhalten und die Infrastruktur rund um den Potsdamer Platz weiter umbauen. Sie betont, dass die Berlinale ein politisches Festival bleibt, aber ohne Boykottlogik: Kein Land soll ausgeschlossen werden, Meinungsfreiheit in den Q&As soll „absolut entscheidend“ sein. Das deutsche Kino soll sichtbar bleiben: Sie spricht von mehreren sehr unterschiedlichen deutschen Produktionen im Wettbewerb und dem klaren Ziel, nationale Talente im internationalen Kontext zu stärken. Tuttle kommt aus der Leitung des BFI London Film Festival, kennt die großen Player, Talentscouts und Vertriebswege, und wurde schon bei ihrer Berufung zur Berlinale als „international versierte Branchenkennerin“ beschrieben – ein Profil, das Berlin in einem immer härteren Festivalwettbewerb dringend braucht.
Der Regisseur İlker Çatak, der für seinen Film „Gelbe Briefe“ auf der Berlinale 2026 den Goldenen Bären gewann, hat sich massiv hinter Tricia Tuttle gestellt und eine Abberufung als katastrophal bezeichnet. Bei einer Vorstellung seines Films im Filmtheater Friedrichshain nannte er Weimers Pläne „kurzsichtig“ und drohte: „Ich würde nie wieder einen Film der Berlinale geben. Und ganz viele meiner Kolleginnen und Kollegen auch nicht.“ Çatak unterzeichnete den offenen Brief von rund 700 Filmschaffenden (u.a. Tom Tykwer, Nicolette Krebitz), der Tuttle als Garantin für einen unabhängigen Diskursraum verteidigt.
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