Was meine Filme verbindet, ist die Frage, wie die Vergangenheit die Gegenwart durchdringt – wie die ‚große Geschichte‘ in die kleinen Erzählungen bzw. den persönlichen Alltag hineinwirkt. Die Idee zu LONDON reicht weiter zurück als BEWEGUNGEN EINES NAHEN BERGS; sie entstand, als ich noch an UND IN DER MITTE, DA SIND WIR arbeitete. Begonnen hat es damit, dass ich selbst oft mit Mitfahrgelegenheiten zwischen Wien und Berlin unterwegs war. Mir fiel auf, dass in dieser Zeit, die man gemeinsam im Auto ‚absitzt‘, etwas mit einem selbst und auch mit der Person neben einem passiert. Man kommt ins Reden über Gott und die Welt, aber man schaut einander dabei meist nicht an, sondern starrt geradeaus – wie in ein ‚Narrenkastl‘ – auf den Landschaftsfilm, der hinter der Windschutzscheibe abläuft. Dabei verliert man sich in diesem Sog. Es entsteht ein eigener, langsamer Gesprächsrhythmus mit Momenten der Stille, wobei man auf das Gegen- über ebenso konzentriert ist wie auf sich selbst. Da gibt es gewisse Ähnlichkeit zum psychoanalytischen Setting. Ich habe als Notiz immer wieder vorne rausgefilmt: die Landschaft, im Hintergrund ein Gespräch. Das hat mich an UNITED STATES OF AMERICA von James Benning und Bette Gordon erinnert, der ähnlich funktioniert, aber anstelle der Gespräche läuft das Radio.
Man spricht ja gerne von einem Grenzbereich zwischen dem Dokumentarischen und dem Fiktionalen; es gibt aber keine Grenze, sondern es ist etwas, das mal mehr, mal weniger ineinanderfließt und immer in Bewegung und Verhandlung ist. Was mich besonders reizt, ist, ein Kippmoment herzustellen und damit zu spielen – diese Frage nach Realität und Fiktion ständig am Köcheln zu halten. Bereits in der ersten Szene mit Paul, dem Wehrdiener, findet eine Reise vom nüchtern Dokumentarischen ins stilisiert Fiktionale statt.
Diese Szene ist ein Kondensat des Films, was dieses Spiel mit den jeweiligen Erwartungshaltungen betrifft. Ich wollte, dass der Film stets zwischen einem dokumentarischen und einem fiktionalen Gefühl oszilliert. Sebastian Brameshuber i |