Das Versprechen
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13.02.2026
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Deutschland hat seit dem Machtwechsel der Taliban 2021 bis Anfang 2025 über 37.000 afghanische Ortskräfte und besonders gefährdete Personen (inklusive Familien) aufgenommen. Ehemalige Mitarbeiter der Bundeswehr, GIZ oder anderer Institutionen erhielten Aufnahmezusagen, jedoch warten aktuell noch Tausende in Pakistan auf ihre Ausreise. Die Debatte über die Verantwortung gegenüber den ehemaligen Mitarbeitern hält an, da ihnen bei Rückkehr in die Hände der Taliban Verfolgung droht Die Handlung spielt in den Monaten unmittelbar vor der Machtübernahme der Taliban 2021, also im letzten Moment relativer Freiheit in Kabul. Naru ist etwa 30 Jahre alt und arbeitet als fast einzige Kamerafrau beim Fernsehsender Kabul TV.Sie hat sich von ihrem notorisch untreuen Ehemann getrennt, kämpft aber in einem patriarchalen Rechtssystem darum, das Sorgerecht für ihren kleinen Sohn zu behalten, weil das Gesetz den Vater bevorzugt.Sie lebt beengt mit dem Kind in der Einzimmerwohnung ihrer Eltern und ist emotional wie finanziell unter Druck.
Aus diesen Erfahrungen heraus ist sie fest überzeugt: In ihrem Land gibt es „keine guten Männer“. Sie wirdzur Nachrichtenredaktion versetzt und beginnt mit Qodrat zu arbeiten, einem etwa 50jährigen, etablierten und verheirateten Reporter des Senders. Naru, die Männer grundsätzlich misstrauisch betrachtet, erlebt Qodrat als respektvoll, integer und unterstützend, was sie irritiert und zugleich anzieht. Während Naru beruflich aufblüht und emotional auftaut, schwebt ständig die Bedrohung eines politischen Umsturzes über der Geschichte. „No Good Men“ ist als Eröffnungsfilm ein seltener Glücksfall. Wie viele Filme hat man schon über sich ergehen lassen, ohne auch im Geringsten zu Ahnen, warum dieser oder jener Film ausgesucht wurde. Bei dem Film von Shahrbanoo Sadat, der mit der Leichtigkeit einer romantischen Komödie beginnt und dann doch die ganze Schwere eines Landes im Umbruch in sich trägt. Die Begegnung mit Qodrat, dem älteren Reporter, ist die Art von Konstellation, die in einem konventionellen Romcom-Setting leicht in Klischees abgleiten könnte. Doch der Film verweigert sich jeder billigen Romantisierung: Qodrat ist weder Retter noch tragischer Held, sondern ein Mann, der einfach versucht, anständig zu sein – in einer Umgebung, in der Anstand Mut kostet.
Die Chemie zwischen den beiden entwickelt sich über Blicke, Gespräche im Auto, geteilte Müdigkeit nach langen Drehtagen; es sind gerade die unspektakulären Momente, in denen deutlich wird, wie selten es ist, aufrichtig gesehen und ernst genommen zu werden. Sadat inszeniert ihre Szenen nicht reißerisch, sondern warm und humorvoll; man lacht mit den Figuren, nie über sie, was sehr an den Stil britischer Sozialdramen erinnert. Gerade diese Normalität macht die Gesten so berührend: Intimität wird als etwas Selbstverständliches gezeigt, das Frauen genauso zusteht wie Männern. Formal findet der Film einen beeindruckend sicheren Ton. Die Kamera bleibt nah bei Naru, folgt ihr durch das Straßenchaos Kabuls und die engen Innenräume, ohne daraus bloß „authentische“ Kulisse zu machen. Die Stadt wirkt lebendig, widersprüchlich, gefährdet – ein Ort, der noch offen ist, aber bereits im Schatten der kommenden Taliban steht.
Immer wieder blitzen feiner Humor und leise Absurdität auf, etwa wenn bei Dreharbeiten Bürokratie, Machismo und technisches Chaos kollidieren; solche Szenen erinnern daran, dass Widerstand manchmal darin besteht, sich den Sinn für Komik nicht nehmen zu lassen. Dass Sadat sich selbst in die Hauptrolle stellt, verleiht dem Film eine zusätzliche Ehrlichkeit. Man spürt, wie biografische Erfahrungen, politische Wut und Hoffnung ineinanderfließen, ohne dass das Ergebnis programmatisch wirkt „No Good Men“ ist damit ein idealer Eröffnungsfilm für die Berlinale: Er verbindet persönliches Kino mit globaler Relevanz, zeigt eine selbstbewusste weibliche Perspektive.
No Good Men
von Shahrbanoo Sadat (Regie, Buch)
mit Shahrbanoo Sadat, Anwar Hashimi, Liam Hussaini, Yasin Negah, Torkan Omari
103'
Deutschland, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Afghanistan 2026
Berlinale Eröffnungsfilm
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