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blauer strich als zeichen für filmtitel 76. Internationale Filmfestspiele Berlin
MMEANSMOVIE Berlinale Blog - A . Schäfer 
 





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Welcome back to Berlin
 
  12.02.2026

 
Auf den Kulturseiten der Republik ist häufig vom „Abgesang auf das Kino“ zu lesen – einer kulturkritischen Haltung, die das Medium im Zeitalter von Streaming und Heimkino für überholt erklärt. Doch bewahrheitet hat sich dieses Narrativ nie. So wird auch die Berlinale erneut zeigen, wie lebendig das Kino als gemeinsamer Resonanzraum für Menschen, die sich im Alltag oft kaum begegnen würden, bleibt: ein Ort für geteilte Emotionen, Begegnung und Diskurs. Die Berlinale 2026 startet ohne schlechte Nachrichten – sogar das Wetter spielt mit. Offizielle Statements betonen erneut den Charakter des Festivals als politisches Forum, das in Krisenzeiten Menschenrechte und Aufklärung ins Zentrum stellt. Gleichzeitig stärkt „Berlinale Pro“ mit EFM, Co Production Market, Berlinale Talents und dem World Cinema Fund Day den industrieorientierten Teil des Festivals und unterstreicht Berlins Rolle als globaler Filmstandort. In einer Zeit rasanten medialen Wandels bleibt das Festival ein Ort, an dem Geschichten erzählt werden, die bewegen, aufrütteln und verbinden. Mit der neuen Intendantin Tricia Tuttle, Rekordbesucherzahlen der Vorjahre und einer Mischung aus politischem Anspruch und Glamour setzt die diesjährige Ausgabe auf Kontinuität – und auf die Erwartung, dass Berlin für elf Tage erneut zur Bühne des Weltkinos wird.





Pressespiegel
 
"Weniger Starglanz, mehr Gewicht - die Berlinale zeigt Haltung"  Von Knut Elstermann  rbb24
"Berlinale ist für mich wie Ferien"  Interview Von Anna Wollner  rbb24
"Zwischen den Kontrasten schlingern"  Von Claudia Lenssen   taz
"Festival auf Selbstsuche: Legt die Berlinale zurück in den Sommer!"  von Robert Ide Tagesspiegel
"Mit Filmkunst für die Meinungsfreiheit"  Von: Daniel Kothenschulte  Frankfurter Rundschau
"Auf geht’s zur Bärenjagd beim größten Publikumsfestival der Welt"  J. Küveler, Marie-Luise Goldmann Welt
"Die Berlinale hat ein Problem"  Von David Steinitz  Süddeutsche Zeitung
"Wo bitte geht’s nach Westen?"  von Christof Meueler  nd
"Wim Wenders: „Ich liebe alle drei Avatar-Filme“  Interview Kevin Gensheimer Berliner Zeitung
"Aus Liebe zum Kino"  Von Tim Caspar Boehme   taz


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Das Versprechen
 
  13.02.2026

 

Deutschland hat seit dem Machtwechsel der Taliban 2021 bis Anfang 2025 über 37.000 afghanische Ortskräfte und besonders gefährdete Personen (inklusive Familien) aufgenommen. Ehemalige Mitarbeiter der Bundeswehr, GIZ oder anderer Institutionen erhielten Aufnahmezusagen, jedoch warten aktuell noch Tausende in Pakistan auf ihre Ausreise. Die Debatte über die Verantwortung gegenüber den ehemaligen Mitarbeitern hält an, da ihnen bei Rückkehr in die Hände der Taliban Verfolgung droht Die Handlung spielt in den Monaten unmittelbar vor der Machtübernahme der Taliban 2021, also im letzten Moment relativer Freiheit in Kabul. Naru ist etwa 30 Jahre alt und arbeitet als fast einzige Kamerafrau beim Fernsehsender Kabul TV.Sie hat sich von ihrem notorisch untreuen Ehemann getrennt, kämpft aber in einem patriarchalen Rechtssystem darum, das Sorgerecht für ihren kleinen Sohn zu behalten, weil das Gesetz den Vater bevorzugt.Sie lebt beengt mit dem Kind in der Einzimmerwohnung ihrer Eltern und ist emotional wie finanziell unter Druck.

Aus diesen Erfahrungen heraus ist sie fest überzeugt: In ihrem Land gibt es „keine guten Männer“. Sie wirdzur Nachrichtenredaktion versetzt und beginnt mit Qodrat zu arbeiten, einem etwa 50jährigen, etablierten und verheirateten Reporter des Senders. Naru, die Männer grundsätzlich misstrauisch betrachtet, erlebt Qodrat als respektvoll, integer und unterstützend, was sie irritiert und zugleich anzieht. Während Naru beruflich aufblüht und emotional auftaut, schwebt ständig die Bedrohung eines politischen Umsturzes über der Geschichte. „No Good Men“ ist als Eröffnungsfilm ein seltener Glücksfall. Wie viele Filme hat man schon über sich ergehen lassen, ohne auch im Geringsten zu Ahnen, warum dieser oder jener Film ausgesucht wurde. Bei dem Film von Shahrbanoo Sadat, der mit der Leichtigkeit einer romantischen Komödie beginnt und dann doch die ganze Schwere eines Landes im Umbruch in sich trägt. Die Begegnung mit Qodrat, dem älteren Reporter, ist die Art von Konstellation, die in einem konventionellen Romcom-Setting leicht in Klischees abgleiten könnte. Doch der Film verweigert sich jeder billigen Romantisierung: Qodrat ist weder Retter noch tragischer Held, sondern ein Mann, der einfach versucht, anständig zu sein – in einer Umgebung, in der Anstand Mut kostet.

Die Chemie zwischen den beiden entwickelt sich über Blicke, Gespräche im Auto, geteilte Müdigkeit nach langen Drehtagen; es sind gerade die unspektakulären Momente, in denen deutlich wird, wie selten es ist, aufrichtig gesehen und ernst genommen zu werden. Sadat inszeniert ihre Szenen nicht reißerisch, sondern warm und humorvoll; man lacht mit den Figuren, nie über sie, was sehr an den Stil britischer Sozialdramen erinnert. Gerade diese Normalität macht die Gesten so berührend: Intimität wird als etwas Selbstverständliches gezeigt, das Frauen genauso zusteht wie Männern. Formal findet der Film einen beeindruckend sicheren Ton. Die Kamera bleibt nah bei Naru, folgt ihr durch das Straßenchaos Kabuls und die engen Innenräume, ohne daraus bloß „authentische“ Kulisse zu machen. Die Stadt wirkt lebendig, widersprüchlich, gefährdet – ein Ort, der noch offen ist, aber bereits im Schatten der kommenden Taliban steht.

Immer wieder blitzen feiner Humor und leise Absurdität auf, etwa wenn bei Dreharbeiten Bürokratie, Machismo und technisches Chaos kollidieren; solche Szenen erinnern daran, dass Widerstand manchmal darin besteht, sich den Sinn für Komik nicht nehmen zu lassen. Dass Sadat sich selbst in die Hauptrolle stellt, verleiht dem Film eine zusätzliche Ehrlichkeit. Man spürt, wie biografische Erfahrungen, politische Wut und Hoffnung ineinanderfließen, ohne dass das Ergebnis programmatisch wirkt „No Good Men“ ist damit ein idealer Eröffnungsfilm für die Berlinale: Er verbindet persönliches Kino mit globaler Relevanz, zeigt eine selbstbewusste weibliche Perspektive.

No Good Men
von Shahrbanoo Sadat (Regie, Buch)
mit Shahrbanoo Sadat, Anwar Hashimi, Liam Hussaini, Yasin Negah, Torkan Omari
103'
Deutschland, Frankreich, Norwegen, Dänemark, Afghanistan 2026
Berlinale Eröffnungsfilm


© Virginie Surdej


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Pain In My Heart
 
  14.02.2026

 

Everybody Digs Bill Evans“ ist das zweite Album des legendären Jazzpianisten Bill Evans als Bandleader, aufgenommen 1958 für Riverside Records. Es markiert einen Meilenstein in seiner Karriere, kurz nach seiner Zeit im Miles-Davis-Sextett mit John Coltrane und Cannonball Adderley. Das Album entstand unter der Produktion von Orrin Keepnews, 27 Monate nach Evans’ Debüt „New Jazz Conceptions“. Evans, der sich selbstkritisch zurückgehalten hatte, spielte mit Bassist Sam Jones (bekannt aus der Adderley-Band) und Schlagzeuger Philly Joe Jones (ehemals bei Davis). Der Titel spiegelt die Anerkennung wider, die Evans bereits unter Kollegen genoss – das Cover zierte sogar Endorsements von Davis, Adderley und Coltrane. Der Film beginnt seine Erzählung im Juni 1961 in New York City findet der Jazzpianist Bill Evans (Anders Danielsen Lie) mit seinem Trio – inklusive des Bassisten Scott LaFaro als musikalischem Seelenverwandten – seine perfekte Stimme und nimmt in einer Nacht beim Village Vanguard zwei wegweisende Live-Alben auf. Kurz darauf stirbt LaFaro bei einem tragischen Autounfall, was Evans in tiefe Trauer und kreative Lähmung stürzt; er hört auf zu spielen und zieht sich zurück. Rocco Scott LaFaro, geboren am 3. April 1936 in Newark, New Jersey, revolutionierte den Bass im Jazz durch seinen kontramelodischen Stil, der den traditionellen Walking-Bass ablöste.
Er spielte ab 1959 mit Bill Evans und Paul Motian, etwa in den legendären Live-Aufnahmen Sunday at the Village Vanguard und Waltz for Debby (Juni 1961). Seine Interaktionen mit Evans prägten das moderne Klavier-Trio und beeinflussten Bassisten wie Eddie Gómez. LaFaro starb im Juli 1961 im Alter von 25 Jahren bei einem Autounfall in der Nähe von Geneva, New York. Er war allein unterwegs, nickte am Steuer ein Mit seinem Film legt Regisseur Grant Gee eine essayistische Annäherung an den Jazzpianisten Bill Evans vor., weniger klassische Künstlerbiografie als atmosphärische Spurensuche. Gee verzichtet weitgehend auf konventionelle Dramaturgie.

Statt einer streng chronologischen Lebensgeschichte entfaltet sich der Film entlang von Musikstücken, Erinnerungen und dem Tod von Weggefährten. Seine Zusammenarbeit mit Miles Davis, insbesondere im Kontext von Kind of Blue, wird zwar erwähnt, spielt aber im Film keine Rolle. Visuell bleibt der Film zurückhaltend, beinahe meditativ. Die Verdichtung auf einen emotional aufgeladenen Abschnitt aus dem Leben von Bill Evans verleiht dem Film eine große Intensität, aber auch eine gewisse Monotonie. Gee dreht überwiegend in kontrastreichem Schwarzweiß, die Siebziger leuchten im bunten Kodak Retro. Die Bilder wirken oft wie Standbilder aus einem Jazz-Fotoband: Schatten, Rauch, Neonreflexe. Ein schöner Kunstgriff ist, dass der Film die Idee der „Pause“ – inspiriert durch John Cages „4’33"“ – ins Zentrum stellt: Stille, Auslassung und die Momente zwischen den Noten strukturieren auch den Schnitt und das Erzähltempo. In einer Dialogzeile heißt es sinngemäß, eine Unterbrechung sei Teil der Musik – das wird zum Leitmotiv für Evans’ Schaffenskrise.

Als Spielfilmdebüt eines Regisseurs, der bisher vor allem mit Musikdokumentarfilmen über Radiohead und Joy Division aufgefallen ist, wirkt Everybody Digs Bill Evans wie eine logische Weiterführung. Seine Darstellung von Zeit als Erfahrung zwischen der letzten und der ersten Note verwandelt sich gegen Ende des Films in Längen, in denen man sich wünscht, Grant G möge doch endlich wieder Bill Evans am Klavier spielen lassen. Hervorragend sind sowohl Laurie Metcalf als fürsorgliche Mutter, die Ihrem Sohn zur Seite steht, als er aus New York nach Florida zu Eltern flieht und Bill Pullman als sein stoischer Vater. Am Ende kehrt die Musik für einen kurzen Moment zurück. Bill Evans hat über 50 Alben zwischen 1956 und 1980 aufgenommen. Er verstarb mit 51 Jahren am 15. September 1980 im Mount Sinai Hospital in New York City.


Everybody Digs Bill Evans
von Grant Gee (Regie), Mark O’Halloran (Buch)
mit Anders Danielsen Lie, Bill Pullman, Laurie Metcalf, Barry Ward, Valene Kane
102' Irland, Vereinigtes Königreich 2026
Wettbewerb

Sa.14.2.12:45 Urania
Sa.14.2.21:45 Uber Eats Music Hall
Fr.20.2.19:30 Urania
So.22.2.12:45 Zoo Palast 1


© Shane O’Connor 2026 Cowtown Pictures_Hot Property



Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt
 
  15.02.2026

 
Arundhati Roy hat ihre Teilnahme an der Berlinale 2026 aus Protest abgesagt. Der Grund liegt in kontroversen Aussagen der Wettbewerbsjury um Präsident Wim Wenders zum Krieg in Gaza.

Bei einer Pressekonferenz wurde die Jury von Video-Influencer Tilo Jung zu ihrer Haltung im Nahostkonflikt befragt. Jung, sagte, dass das Filmfestival nie Solidarität für Palästina zeige und fragte die Jury-Mitglieder, ob sie »angesichts der Unterstützung des Völkermords in Gaza durch die deutsche Regierung«, die ja Hauptfinanzier der Berlinale sei, »diese selektive Behandlung der Menschenrechte« unterstützten. Wenders antwortete, Filmemacher sollten sich aus der Politik heraushalten, sie seien das Gegengewicht zur Politik. »Wir müssen die Arbeit der Menschen machen und nicht die Arbeit der Politiker.«

Arundhati Roy reagierte nach eigener Aussage schockiert: In einem Statement nannte sie die Worte „unerhört“. Sie verkürzte die Aussage von Wenders auf: Kunst dürfe nicht politisch sein.

Roy warf der Jury vor, mit ihrer Haltung die Rolle von Kunst zu verharmlosen. Sie forderte Künstler auf, sich klar gegen das Leid in Gaza zu positionieren, und kritisierte zudem die Politik von Deutschland. Das Festival bedauerte Roys Entscheidung, betonte aber, ihre Präsenz hätte den Diskurs bereichert.

Die Intendatin der Berlinale, Tricia Tuttle bezog am Sonntag gleich Stellung zu der Debatte. Ein Teil dessen, was derzeit kursiere, nehme Aussagen aus Pressekonferenzen sowohl aus dem Zusammenhang als auch aus dem Kontext des Lebenswerks und der Werte, für die diese Künstler und Künstlerinnen stünden. Berlinale-Chefin Tuttle betonte, bei dem Festival sei der Ruf nach freier Meinungsäußerung laut geworden – und diese finde statt. Doch zunehmend werde von Filmschaffenden im Festival erwartet, jede an sie gerichtete Frage zu beantworten.
roter unterschstrich als zeichen für link Berlinale Notes Über das Sprechen, das Kino und die Politik notiert von Tricia Tuttle



18.02.2026 UPDATED

Filmschaffende kritisieren Berlinale

93 Filmschaffende (Stand 18. Februar) kritisieren das Filmfestival Berlinale im Branchenblatt „Variety“ für seinen Umgang mit dem Gaza-Krieg. In einem offenen Brief werfen sie der Berlinale-Leitung vor, sich nicht ausreichend zu positionieren. Die Unterzeichner äußern sich „entsetzt über das institutionelle Schweigen der Berlinale zum Völkermord an den Palästinensern“. Zu Gräueltaten im Iran und in der Ukraine habe sich das Festival dagegen klar positioniert. In dem offenen Brief wurde auch die Aussage von Wenders kritisiert.

roter unterschstrich als zeichen für link
https://variety.com/2026/film/global/javier-bardem-tilda-swinton-letter-berlinale-gaza-silence


19.02.2026 UPDATED

Die Berlinale hat auf einen offenen Brief von Filmschaffenden reagiert und den Vorwurf zurückgewiesen, kritische Stimmen zum Krieg im Gazastreifen zu zensieren. Es stimme nicht, dass sie Filmemacher „zum Schweigen gebracht“ oder „eingeschüchtert“ hätten, sagte Festivalchefin Tricia Tuttle der Deutschen Presse-Agentur.

Der Brief habe sie überrascht und es sei „unglaublich hart“ gewesen, ihn zu lesen, sagte Tuttle. Einige der Unterzeichner kenne sie und sie habe sich gewünscht, dass sie sie zuerst kontaktiert hätten, um über einige Behauptungen zu sprechen.
Zur Frage, wie ihre Position sei, sagte Tuttle, sie sei zutiefst betroffen über den Verlust von Menschenleben in der Zivilbevölkerung. „Ich fordere Israel nachdrücklich auf, sich an das Völkerrecht zu halten. Ich bin auch der Meinung, dass die Regierungen und Partner Israels dafür sorgen müssen, dass sie sich an das Völkerrecht halten, um das Leben der Zivilbevölkerung zu schützen.“

Tuttle kritisierte auch den Umgang mit Wenders' Aussagen. Es sei nur ein Ausschnitt herausgegriffen worden, was sie traurig mache. „Denn dieser Mensch zeigt seit 50 Jahren mit unglaublichen Filmen eine immense Empathie für die Menschen. Er hat uns Menschen sehen lassen, die vielleicht sonst unsichtbar geblieben wären. In seinen Werken steckt immer ein politisches Element.“ Sie halte es für ungerecht, dass Leute einen „Ausschnitt herausgreifen, ihn falsch darstellen und daraus eine virale Kampagne machen“, sagte Tuttle.

21.02.2026 UPDATED

Der Regisseur Abdallah Alkhatib, der für das beste Spielfilmdebüt ausgezeichnet wurde, bezeichnete in seiner Dankesrede die Bundesregierung als "Partner des Völkermordes in Gaza". Der vor Ort anwesende Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) verließ daraufhin den Saal. Alkhatib sagte auch noch, dass es irgendwann ein Filmfest in Gaza geben werde: „Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.“


Pressespiegel
 
"Ausblenden, bis es blendet"  von Robert Ide  Tagesspiegel
"Unerhörte Aussagen"  Von: Katja Thorwarth  Frankfurter Rundschau
"Sollen sich Filmschaffende aus der Politik heraushalten?"   Von Bert Rebhandl Frankfurter Allgemeine
"Arundhati Roy quits Berlin film festival over ‘stay out of politics’ comment"  By Nadia Khomami  The Guardian
"Ein Festival auf dünnem Eis"  von Andreas Busche  Tagesspiegel
"Der Jurypräsident laviert herum" taz
"Die Berlinale wird zum Gesinnungstribunal"  von Marie von den Benken ntv
"Die richtige Haltung auf dem roten Teppich"  von Julia Lorenz Zeit


© mmeansmmovie


Gore Verbinski's Flying Circus
 
  16.02.2026

 

Gore Verbinskis „Good Luck, Have Fun, Don’t Die“ ist ein seltenes Biest: Ein Zeitreise-AI-Apokalypse-Film, der gleichzeitig Starvehikel, Ensemblekomödie und ziemlich finstere Zukunftsparabel sein will – und genau an dieser Grenze zwischen Arthausund Mainstream-Unterhaltung seinen Reiz, aber auch seine Brüche erzeugt.

Ein Mann aus der Zukunft stürmt ein Diner in Los Angeles, nimmt die Gäste quasi als Geiseln und behauptet, nur eine ganz bestimmte Kombination dieser zufälligen Anwesenden könne eine KI daran hindern, die Menschheit in die virtuelle Selbstvernichtung zu führen – es ist sein 117. Versuch, alle vorherigen sind gescheitert. Das Setting klingt nach dem üblichen oft gesehenen, doch Verbinski kippt den Ton früh in ein seltsam melancholisches, fast fatalistisches Register: Hinter den spritzigen Dialogen liegt konstant das Bewusstsein eines schon verlorenen Zeitalters, in dem Menschen lieber in Simulationen als im realen Leben existieren wollen.

Die wiederkehrende Schleifenstruktur – der Mann beginnt immer wieder bei 10:10 Uhr im Diner, bis hin zum 118. Versuch – legt eine fast essayistische Meditation über Determinismus, Schuld und die Möglichkeit von Abweichung in einer von Algorithmen gesteuerten Zukunft nahe. Wenn Ingrid am Ende erkennt, dass das vermeintliche Happy End nur eine Simulation der KI ist, die ihre Protagonisten in einer bequemen Lüge einlullen soll, schlägt der Film kurz in metaphysische Science-Fiction um, wie man sie eher bei Gilliam verorten würde.

Gleichzeitig stürzt sich Sam Rockwell mit anarchischer Spielfreude in die Rolle des Zeitreisenden im improvisierten Steampunk-Plastikregenmantel, und der Film lebt stark vom Charisma dieses getriebenen, labernden Apokalyptikers.

Gerade an dieser Schnittstelle beginnt es zu knirschen: Der Film will Schulmassaker, Tech-Sucht, Elterntrauma, Simulationshypothese und Klima- bzw. Ressourcenkatastrophe verhandeln – und zwar alles innerhalb eines temporeichen, witzigen AI-Zeitreiseabenteuers mit Verfolgungsjagden, Masken-Attentäter und Zombiehaften Teenager. Verbinskis Lust an grotesken Einfällen nimmt den Themen die Wucht, ohne sie zu ihrer Ernsthaftigkeit zu entbinden. Das Ergebnis ist ein Hybrid, der weder als reine Satire noch als ernsthafte Dystopie vollständig aufgeht und bei dem einem oft das Lachen im Halse stecken bleibt.


Wer genau diese Reibung schätzt – also Filme, die sich nicht entscheiden wollen, ob sie uns zum Nachdenken oder zum Lachen bringen sollen und im Idealfall beides tun – wird hier einen der eigensinnigeren Genrefilme der letzten Jahre finden.

Good Luck, Have Fun, Don’t Die
Gore Verbinski (Regie), Matthew Robinson (Buch)
mit Sam Rockwell, Juno Temple, Haley Lu Richardson, Zazie Beetz, Michael Peña
134'
Deutschland, USA 2025
Berlinale Special Gala
Im Kina ab 12. März 2026
roter unterschstrich als zeichen für link https://www.youtube.com/trailer


© Constantin Film Distribution GmbH


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Leerstelle Potsdamer Platz
 
  17.02.2026

 
Das Fehlen des Arsenal Kinos auf der Berlinale markiert einen tiefen Einschnitt und verändert spürbar die Topografie des Festivals zwischen Potsdamer Platz und dem Rest der Stadt.

Das Arsenal war seit 2000 im Filmhaus am Potsdamer Platz beheimatet und damit einer der identitätsstiftenden, festivalnahen Spielorte der Berlinale. Schon zuvor, seit 1970, hatte es als Programmkino in Schöneberg eine spezifische filmkulturelle Öffentlichkeit geprägt, die sich aus Cinephilen, Filmschaffenden und politisch Interessierten zusammensetzte. Während der Berlinale wurde das Arsenal zur Heimat des Internationalen Forums des Jungen Films und später des Forums und Forum Expanded, also jener Sektionen, die bewusst auf experimentelles, widerständiges und nicht-marktkonformes Kino setzen. Dadurch war das Arsenal nicht nur „noch ein weiterer“ Berlinale-Spielort, sondern ein tradierter Resonanzraum für eine bestimmte Idee von Festival: Gegenöffentlichkeit, Diskussion, Nähe zwischen Publikum und Filmen.

Mit dem Auslaufen des Mietvertrags im Filmhaus und der Schließung des Kinos am Potsdamer Platz im Dezember 2024 reißt in der Festivalgeografie ein sichtbares Loch. Wo zuvor der Weg zwischen Berlinale Palast, CinemaxX, Filmhaus und Arsenal eine dichte Festivalzone bildete, bleibt nun eine Leerstelle, die auch durch das neu gewonnene Bluemax Theater nicht gefüllt wird.

Die für Forum und Forum Expanded so typische Durchlässigkeit – vom Screening in den Saal, die anschließende Diskussion, der zufällige Austausch im Foyer wird räumlich auseinandergezogen. Dass ein neues Filmhaus am Potsdamer Platz, wenn überhaupt, womöglich erst um 2030 Realität wird, verlängert diesen Zustand eines Provisoriums auf unbestimmte Zeit.

Für die Berlinale bedeutet das, dass Forum und Forum Expanded zwar weiterhin vom Arsenal organisiert und kuratiert werden, ihr traditioneller „Heimsaal“ jedoch fehlt – ein Bruch im Selbstverständnis einer Sektion, die stets aus der eigenen Institution heraus gearbeitet hat. Das Provisorium verstärkt zugleich einen Trend: das Festival verschiebt sich mehr in Richtung verstreuter, pragmatisch angemieteter Säle und verliert ein Stück der sinnlich erfahrbaren Verbindung von Institution, Ort und Programm.

Der geplante Umzug in die Westhalle des Silent Green im Wedding markiert nicht nur eine räumliche, sondern auch eine institutionelle Transformation: Aus dem Arsenal – Institut für Film und Videokunst wird 2026 das Arsenal Filminstitut. Die Bündelung von Kino, Archiv, Verleih und den Berlinale-Sektionen Forum und Forum Expanded an einem neuen Ort eröffnet Chancen für andere Formen der Vermittlung, für intensivere Zusammenarbeit mit lokalen Communities und für eine vertiefte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte.

Für die Berlinale jedoch stellt sich die Frage, ob und wie dieser neue Standort, räumlich entfernt vom Potsdamer Platz, künftig wieder als organischer Bestandteil der Festivalarchitektur begriffen wird.

Am Sonntag, 3. Mai eröffnet das Arsenal Filminstitut sein neues Kino in der historischen Westhalle des silent green Kulturquartiers im Berliner Wedding.

roter unterschstrich als zeichen für link https://www.arsenal-berlin.de/


© mmeansmovie


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Die Wahlfamilie
 
  17.02.2026

 

Der Film spielt in den 1930er Jahren im Outback: Mehrere indigene Kinder sind von weißen Siedlern zur Zwangsarbeit in Wolfram Minen gezwungen worden – jenem Erz, das zur Härtung von Stahl und damit für die Aufrüstung der Mächte vor dem Krieg so begehrt ist. Zwei Geschwister wagen die Flucht aus der Gewalt ihrer Besitzer und schlagen sich zu Fuß durch die Weite Zentralaustraliens, in der Hoffnung, irgendwo Sicherheit und vielleicht den Weg zurück nach Hause zu finden. Auf ihrem Weg begegnen sie weiteren Menschen, aus der sich eine Gemeinschaft entwickelt.

Warwick Thornton, der erneut selbst die Kamera übernimmt, bebildert Wolfram als sinnlich überwältigenden Outback Western. Grelles Blau des Himmels, brennendes Rot der Erde, sengendes Licht, das die Figuren wie Gespenster über eine weite, schier endlose Fläche treibt. Zwischenschnitte auf Natur, etwa auf Kaulquappen im Bach, deren Hinterbeine gerade wachsen – schaffen poetische Atempausen. Die Atmosphäre ist von Anfang an von Unruhe und unterschwelliger Gewalt durchzogen: tote Tiere im Dorf, rätselhafte Fremde, fragmentierte Szenen von Tod und Ausbeutung erzeugen das Gefühl, dass jederzeit etwas Schreckliches geschehen kann.

Der Film bedient sich zwar des Genres Western – einsame Siedlungen, Gesetzlosigkeit, Salons und Wüstenlandschaft –, unterläuft aber konsequent die Konventionen des klassischen Western. Wo der amerikanische Western traditionell die Eroberung aus Sicht weißer Siedler erzählt, rückt Thornton die Perspektive derjenigen ins Zentrum, die in diesen Erzählungen meist nur als gesichtslose Menschen vorkommen. Gewalt ist nicht spektakulärer Showdown, sondern struktureller Alltag. Thorntons Bildsprache verweigert auch die glatte Monumentalität vieler Western: Staub, Fliegen und körperliche Erschöpfung bilden einen Realismus, der die koloniale Romantik des Genres entlarvt.


Der Film ist als Nachfolger zu „Sweet Country“ konzipiert und setzt zeitlich wie geografisch in derselben Welt Zentralaustraliens an. Während „Sweet Country“ die Geschichte eines indigenen Stockman erzählt, der in Notwehr einen weißen Großgrundbesitzer erschießt und daraufhin zur Zielscheibe des kolonialen Rechtssystems wird, zeigt „Wolfram“ die andere Seite desselben Systems: die Verschleppung und Versklavung indigener Kinder, vor allem Mädchen, in Minen und auf Farmen. Beide Filme basieren auf Familiengeschichten des Regisseurs und seines Co Autors David Tranter – „Sweet Country“ auf der Geschichte von Tranters Urgroßvater, „Wolfram“ auf den Erfahrungen ihrer Großmütter, die in Zinn und Wolframminen schuften mussten. Inhaltlich kreisen beide Werke um die Langzeitfolgen kolonialer Gewalt, um Rassismus, um Recht und Unrecht auf einem Land, das den Indigenen genommen wurde; formal greifen sie auf Westerncodes zurück, um diese Geschichte gegen den Strich zu bürsten. „Wolfram“ erscheint im Vergleich zu „Sweet Country“, der in seiner Konsequenz tief pessimistisch und tragisch endet, aber stärker auf eine Perspektive von Überleben, Weitergabe von Erinnerung und weiblicher Resilienz ausgerichtet.

Gerade vor dem Hintergrund von Thorntons oft düsterem Kino fällt das positive Ende von „Wolfram“ ins Gewicht. Statt in auswegloser Gewalt zu enden, gönnt der Film seinen jungen Protagonistinnen einen Moment von Sicherheit und Selbstbehauptung; eine späte Wendung ordnet das zuvor Gesehene neu und gibt den bisher marginalisierten Figuren die erzählerische Kontrolle zurück. Thornton hat betont, dass Hoffnung für ihn nicht nur ein erzählerisches Motiv, sondern eine politische Notwendigkeit ist.

Der Film verschweigt nichts von der Brutalität der Geschichte, endet aber mit einem Bild der Möglichkeit – dass indigene Kinder nicht nur Opfer der Vergangenheit sind, sondern Handelnde einer anderen, möglichen Gegenwart.

Wolfram
von Warwick Thornton (Regie), Steven McGregor (Buch), David Tranter (Buch)
mit Deborah Mailman, Erroll Shand, Joe Bird, Thomas M Wright, Ferdinand Hoang
102'
Australien 2025

Sa.21.2.17:45 Haus der Berliner Festspiele
So.22.2.20:00 Urania


© Bunya Productions


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Berlinale Kamera für Regisseur Haile Gerima
 
  17.02.2026

 
Bei den 76. Internationalen Filmfestspielen Berlin wird der äthiopische Regisseur Haile Gerima mit einer Berlinale Kamera geehrt. Haile Gerimas jüngstes Werk Black Lions – Roman Wolves, eine nahezu neunstündige Auseinandersetzung mit der Geschichte und Mythologie des italienischen Kolonialismus sowie ein Gedenken an den äthiopischen Widerstand, feiert seine Weltpremiere im diesjährigen Berlinale Forum.

Die Verleihung der Berlinale Kamera an Haile Gerima findet am 17. Februar 2026 um 16:00 Uhr im Delphi Filmpalast statt – im Rahmen der Vorführung seines Films.

„Haile Gerimas Werke zeugen von Geschichten, die von Unterdrückung, Widerstand und der unvollendeten Arbeit der Dekolonisierung geprägt sind – Geschichten, die heute mit dringlicher Kraft zur Welt sprechen. 1993 war er mit Sankofa im Wettbewerb vertreten und das Forum erkannte Gerimas Arbeit schon früh. Wir sind sehr stolz, ihn mit seinem über Jahre entwickelten Black Lions – Roman Wolves nun wieder im Forum begrüßen zu dürfen. Es ist eine Ehre, die Berlinale Kamera einem Filmemacher zu überreichen, der die Art und Weise, wie wir die Welt verstehen, nachhaltig verändert hat“, sagt Festivaldirektorin Tricia Tuttle.

1967 emigrierte der äthiopische Regisseur Haile Gerima in die Vereinigten Staaten und studierte an der University of California. Er wurde Teil der L.A. Rebellion, einer Gruppe afroamerikanischer und afrikanischer Filmschaffender, die ab den 1970er-Jahren ein alternatives, unabhängiges Black American Cinema schufen. Seine Werke verbinden persönliche, historische und politische Perspektiven. Obwohl er seit Langem in den Vereinigten Staaten lebt, ist er seiner äthiopischen Herkunft tief verbunden geblieben. Zu seinen bekanntesten Filmen gehören Harvest: 3,000 Years (1975, Forum), Bush Mama (1976), Ashes and Embers (1982, 1983 im Forum), die international ausgezeichnete Arbeit Sankofa (1993, Weltpremiere im Berlinale Wettbewerb) und Teza (2008), ein Drama über Äthiopiens Vergangenheit.


© mmeansmovie


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Alles ändert sich
 
  18.02.2026

 
„Queen at Sea“ ist ein stiller, aber nachhaltig verstörender Demenz‑Film, der aus einem scheinbar klaren Missbrauchsfall ein moralisches Minenfeld macht – und genau darin liegt seine große Stärke im diesjährigen Wettbewerb. Aller Wahrscheinlichkeit spaltet der Film das Publikum weniger an den Schnittstellen der sich aus dem Film ergebenen moralischen Werte. Vielmehr trennt der Film zwischen Menschen, die Demenz in ihrer Familie selbst erlebt haben und denen, die Demenz nur aus Filmen kennen.

Lance Hammer erzählt von Amanda, die Tochter nach London zurückkehrt, um sich um ihre demenzkranke Mutter Leslie zu kümmern. Zwischen Amanda und ihrem Stiefvater Martin entbrennt ein Kampf darum, ob Leslie überhaupt noch in der Lage ist, Entscheidungen über ihr Leben und ihre Sexualität selbst zu treffen. Der Film macht Demenz nicht zur Hintergrunddiagnose, sondern zum eigentlichen Konfliktmotor: Jede Szene kreist darum, was Fürsorge, was Bevormundung und was möglicher Missbrauch ist. Hammer arbeite dazu sichtbar mit Recherchen im britischen Sozial- und Gesundheitssystem, was man in den detailgenauen Darstellungen von Polizei, Sozialdiensten und Pflegeheim wiedererkennt.

Hammers Art der Inszenierung ist von „Ballast“ her vertraut: nüchtern, fast dokumentarisch, mit konzentrierten Schauplätzen (das Londoner Haus, das Pflegeheim, die Büros der Behörden), in denen sich die Emotionen umso härter brechen. Die Kamera bleibt nah an Gesichtern. Tom Courtenay gibt Martin nicht als eindeutigen Täter, sondern als gebrochenen Mann, der zwischen Zärtlichkeit, Bedürftigkeit und Selbstrechtfertigung pendelt. Er spielt einen Ehemann, der um seine Rolle im Leben seiner Frau bangt und sich zugleich an einem Rest körperlicher Nähe festhält, der moralisch hochgradig fragwürdig ist. Courtenay legt in jede Geste die Geschichte eines langen gemeinsamen Lebens – der Film lebt davon, dass man ihm sowohl Empathie als auch tiefes Misstrauen entgegenbringt. Anna Calder - Marshall trägt den Film, indem sie Leslie auf einen Zustand reduziert, in dem Sprache und bewusste Steuerung weitgehend fehlen, ohne die Figur je zum bloßen Objekt zu machen.

Dass der Film ihre Würde nie völlig preisgibt, liegt wesentlich an dieser kontrolliert unkontrollierbaren Performance. Im Unterschied zu Michel Hanekes „Amour“ interessiert sich „Queen at Sea“ weniger für das Paar im hermetischen Raum, sondern für das Netz aus Familie, Institutionen und Staat, das um eine demenzkranke Person entsteht. Wo „Still Alice“ den inneren Zerfall der Betroffenen fokussiert, verlegt Hammer den Schwerpunkt auf die Angehörigen und die Frage, wer im Namen der Patientin spricht und entscheidet. In seiner ungeschönten Darstellung von Behörden, Pflegeheimen und sozialem Elend erinnert der Film an den britischen Sozialrealismus eines Ken Loach oder Mike Leigh, ohne deren didaktische Klarheit zu bieten. Anders als viele TV-Dramen über Demenz verweigert sich „Queen at Sea“ konsequent der sentimentalen Lösung: Es gibt keine abschließende Versöhnung, nur ein Leben mit moralischen Restzweifeln

Als Berlinale Beitrag bringt „Queen at Sea“ genau jene Mischung aus formaler Strenge und gesellschaftlicher Brisanz mit, die der Wettbewerb traditionell bevorzugt. Das Thema – Demenz, Einwilligung, Sexualität im Alter, institutionelle Gewalt – trifft den Nerv einer alternden europäischen Gesellschaft und überschneidet sich mit den politischen Linien, die auf der Berlinale ja immer betont werden. Ab wann gilt der Wille eines demenzkranken Menschen als „nicht mehr gültig“, und wer darf das definieren – Familie, Ärzt*innen, Gerichte, der Staat? Wie lassen sich Fürsorge und Kontrolle trennen, wenn Schutzmaßnahmen zugleich massive Freiheitsbeschränkungen bedeuten, etwa bei Heimunterbringung oder Zwangsuntersuchungen? Dass es Hammers erster Film seit 18 Jahren ist und er nun mit einer künstlerisch kompromisslosen, international gut spielbaren Arbeit zurückkehrt, macht „Queen at Sea“ zum idealen Kandidaten für einen Goldenen Bären. „Queen at Sea“ erarbeitet sich aus allen aufgestellten Fragen kein Thesenpapier, sondern ist ein eindringliches Familiendrama, welches gerade für Menschen, die in ihrer Familie mit Demenz berührt sind, eine Herausforderung sein könnte.

Queen at Sea
Lance Hammer (Regie, Buch)
mit Juliette Binoche, Tom Courtenay, Anna Calder-Marshall, Florence Hunt
121'
Vereinigtes Königreich, USA 2026

Do.19.2.21:30 Uber Eats Music Hall
Sa.21.2.15:45 Uber Eats Music Hall


© Seafaring LLC


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Rot – die Farbe des Körpers und des Blutes
 
  20.02.2026

 
Zeba heiratet Sajawal, einen unsicheren Mann, nachdem zuvor drei ihrer Verehrer auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen sind. Ein Makel, der ihr den Ruf einer verfluchten Braut einträgt. So kippt die vermeintliche Liebesgeschichte in ein Kammerspiel aus Eifersucht, Paranoia und Gewalt, in dem Sajawal seine Angst in zunehmend kontrollierendes Verhalten verwandelt. Zeba sucht Zuflucht bei zwei Frauen, der scharfzüngigen Schwiegermutter Sohni Ammi und der stillen, wachsamen Nachbarin Bholi. Während um sie herum die Grenze zwischen realer Bedrohung, Geisterglauben und kollektiver Hysterie immer mehr verschwimmt.

„Lali“ ist nicht nur Pakistans erster komplett lokal produzierter Beitrag im Berlinale-Programm, sondern auch ein selten offenes Porträt einer unteren Mittelschicht, die man im internationalen Kino des Landes kaum sieht. Khoosat dockt an eine Tradition poetischer, symbolreicher Erzählweisen aus der Region an, löst sie aber vom staatsnahen oder religiösen Pathos der Mainstream-Produktionen und verlagert sie in intime, körperliche Räume. Der Film greift vertraute Elemente des südasiatischen Hochzeitskinos, Musik, Rituale, rote Stoffe auf, um genau diese Institution Ehe als Ort von Angst, Scham und struktureller Gewalt zu sezieren.

Im Zentrum steht Zeba, deren Körper zum Projektionsfeld patriarchaler Ängste wird: Ihr angeblicher Fluch rechtfertigt Misstrauen, Kontrolle und schließlich Unterdrückung, während ihre eigene Begierde und Verletzlichkeit anfangs kaum Sprache finden. Ihre Entwicklung besteht weniger in einem spektakulären Befreiungsakt als in einem allmählichen Aufbegehren, das sich in Blicken, Gesten und der Suche nach Verbündeten artikuliert. Der Film interessiert sich für die leisen Risse im System.


Sohni Ammi ist als Figur fast subversiver: Sie erfüllt vordergründig die Rolle der bitteren Schwiegermutter, deren Zunge schärfer ist als jedes Messer, entpuppt sich aber als ambivalente, zutiefst pragmatische Überlebende desselben Systems. Ihre Härte schützt, ihr Zynismus benennt Heucheleien, die andere lieber verstecken und genau darin liegt ihre stille Solidarität mit Zeba.


Lali Filmteam Berlinale

„Lali“ ist nicht eindeutig zu verorten und genau das macht seinen Reiz aus. Im Kern ist er ein Ehedrama, das die Dynamiken von Abhängigkeit, Macht und Scham mit großer Genauigkeit nachzeichnet. Gleichzeitig bedient sich Khoosat des Vokabulars des Horrors: Geister, Prophezeiungen, ein drohender Todesfluch. Hinzu kommt ein überraschend trockener, manchmal pechschwarzer Humor, der sich aus Alltagsbeobachtungen, familiären Reibereien und der grotesken Überhöhung von Hochzeitsritualen speist.

Der Titel ist Programm: „Lali“ leitet sich von „lal“, dem Rot, ab – jenem Farbcode, der in Südasien untrennbar mit Hochzeit, Begehren, Scham und Blut verbunden ist. Khoosat baut dieses Rot als leitmotivisches Signal in den Film ein: in Stoffen, Decken, Hochzeitskleidern, Dekorationen und im roten Muttermal des männlichen Protagonisten, das ihm den Spitznamen „Lali“ einträgt. Rot ist hier nie einfach nur Dekor, sondern stets doppeldeutig.

Lali ist ein mitreißender, im wahrsten Sinne des Wortes farbenfroher Film, der hoffentlich noch einen deutschen Verleih findet.

Lali
von Sarmad Sultan Khoosat (Regie, Buch), Sundus Hashmi (Buch)
mit Mamya Shajaffar, Channan Hanif, Rasti Farooq, Farazeh Syed, Mehar Bano
116'
Pakistan 2026
roter unterschstrich als zeichen für link https://www.youtube.com/trailer

Fr.20.2.21:30 Cubix 9
Sa.21.2.13:00 Bluemax Theater
So.22.2.21:45 Filmtheater am Friedrichshain


© Khoosat Films


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Die Bären sind vergeben
  21.02.2026  
Goldener Bär für den Besten Film: „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak

Die 76. Internationalen Filmfestspiele Berlin endeten mit einer Preisverleihung, in der politische Stoffe, persönliche Geschichten und formale Experimente gleichermaßen ausgezeichnet wurden. Im Wettbewerb gewann İlker Çataks Drama „Gelbe Briefe“ den Goldenen Bären für den besten Film. Der Film erzählt von politischer Repression und Berufsverboten in der Türkei und stellt die Frage, ob eine Familie dem staatlichen Druck nachgibt oder ihrer Haltung treu bleibt. Den Silbernen Bären – Großen Preis der Jury erhielt „Kurtuluş“ von Emin Alper, der eine blutige Clanfehde und religiöse Machtkämpfe in einem abgelegenen Dorf ins Zentrum rückt. Der Silberne Bär – Preis der Jury ging an „Queen at Sea“ von Lance Hammer.

Bei den persönlichen Auszeichnungen setzte die Jury ein klares Zeichen für Schauspiel- und Regiearbeiten, die ihre Figuren mit großer Genauigkeit ausleuchten. Grant Gee wurde für „Everybody Digs Bill Evans“ mit dem Silbernen Bären für die beste Regie geehrt. Sandra Hüller erhielt den Silbernen Bären für die beste schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle für ihre Arbeit in „Rose“. Der Silberne Bär für die beste schauspielerische Leistung in einer Nebenrolle wurde Anna Calder Marshall und Tom Courtenay zugesprochen, beide für ihre Auftritte in „Queen at Sea“. Das Drehbuch zu „Nina Roza“ von Geneviève Dulude de Celles wurde mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch ausgezeichnet, während der Preis für eine herausragende künstlerische Leistung an „Yo (Love is a Rebellious Bird)“ von Anna Fitch und Banker White ging.

Auch die dokumentarische und die kurze Form wurden prominent gewürdigt. Als bester Dokumentarfilm wurde „If Pigeons Turned to Gold“ von Pepa Lubojacki ausgezeichnet, der seinen Stoff mit einer poetischen Bildsprache verbindet. Im Kurzfilmwettbewerb sicherte sich „Someday a Child“ von Marie Rose Osta den Goldenen Bären und erzählt in konzentrierten Bildern von Verletzlichkeit und Hoffnung.

Neben den Wettbewerbsbären standen weitere Ehrungen für das Profil des Festivals. Den Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk erhielt Michelle Yeoh, In den Nebenreihen wurden unter anderem der Panorama Publikumspreis Spielfilm an „Staatsschutz“ von Faraz Shariat und der Panorama Publikumspreis Dokumentarfilm an „Traces“ von Alisa Kovalenko und Marysia Nikitiuk vergeben.
 
Forum
© Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film


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Pressespiegel
 
"Viel Politik - und Filme gab es auch"  Von Fabian Wallmeier  rbb 24
"Quo vadis, Berlinale? "  von Felix Müller,  Berliner Morgenpost
"Viel Politik, wenig Kino: So schafft sich die Berlinale selbst ab"  von Pascal Biedenweg Morgenpost
"Das Glück der stillen Meisterschaft" Von Andreas Kilb  Frankfurter Allgemeine Zeitung
"Leitung ohne Haltung" von Tim Caspar Boehme  taz
"Macht das Festival seine Arbeit?"  Von Tim Caspar Boehme   taz
"Wer der Berlinale wirklich schadet"  von Daniel Bax taz
"Die Freiheit des Gleichdenkenden"  Christoph Ruf   nd
"Viele Eklats, wenig Kunst"  von Bahareh Ebrahimi  nd
"Alles stirbt – außer der Glaube an das Kino" von Marie-Luise Goldmann Welt
"Seht her, da habt ihr den politischen Film!"  Von Andreas Busche  Tagesspiegel
"Mit eigenen Augen in andere sehen"  von Robert Ide  Tagesspiegel
"Der Potsdamer Platz braucht eine neue Seele"  von Robert Ide Tagesspiegel
"Die wahren Feinde sind woanders"  Von Kathleen Hildebrand Süddeutsche Zeitung
"Ein grandioser Wettbewerb – und eine Frage ohne Antwort"  Von: D. Kothenschulte Frankfurter Rundschau
"Sie reißt uns in ihre Geschichte hinein"  von Andreas Kilb  Frankfurter Allgemeine Zeitung
"Entschieden unentschieden"  Von Katja Nicodemus  Zeit
"Politischer geht es kaum"  Von Lars-Olav Beier und Andreas Borcholte  Spiegel
"Berlin film festival dominated by Gaza row"  By Deborah Cole  The Guardian
"Politics dominate closing ceremony"  By Martin Blaney screendaily
"Berlinale Tried to Avoid Politics. Its Winners Made That Impossible" Bx D. Harris-Bridson IndieWire
"Let’s going to have some Anschauung"  von Jörg Gerle   filmdienst
"Alkhatib und das leere Protest-Ritual"  von Ralf Niemczyk  rollingstone.de
"Last Exit Berlinale"  Von Rüdiger Suchsland  artechock
"Wie politisch darf Kino sein?"  Von Ula Brunner  goethe.de/
"Total politisch"  von: Marie Ketzscher  berliner-filmfestivals.de
"Doppelte Buchführung"  Gerhard Midding   epd film


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