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Aufmacher
BILLY WILDER
Der König der Komödie als Misanthrop
VON E.F. Kaeding
 
 
In Berlin zeigt das Babylon-Kino eine BILLY WILDER Retrospektive. Neben seinen größten Hits und bekannten Komödien wie „Manche mögen’s heiß“ (1959) mit Marilyn Monroe, lässt sich dort auch einer von Wilders weniger bekannten Filmperlen bestaunen: ACE IN THE HOLE - ein zeitloser Film, der heute von vielen als sein „bitterster“ eingestuft wird.
     
     
   Billy Wilders erster kommerzieller Misserfolg war zugleich sein kühnstes Werk—ein Film, der genau die Menschen beleidigte, die für seinen Erfolg verantwortlich waren: Publikum und Kritiker. ACE IN THE HOLE (dt. REPORTER DES SATANS, 1951), Wilders schonungsloses Drama über die zynischen Methoden eines abgehalfterten Boulevardreporters, stieß damals erwartungsgemäß auf Befremdung bei den Kritikern („Die absurdestes Darstellung eines Reporters“, New Yorker), und ging an den Kinokassen unter. Sechzig Jahre nach der Premiere, erscheint der Film aktueller denn je. Wilders düstere Vision davon, was später unter dem Begriff „Medien-Zirkus“ bekannt werden soll, ist heute, in Zeiten des Internets und 24-Stunden Nachrichten-Updates, bittere Realität geworden.


   Kirk Douglas spielt den so egozentrischen wie skrupellosen Journalisten Charles „Chuck“ Tatum. Gefeuert von sage und schreibe elf Zeitungen wegen Trunksucht, Beleidigung, und Ehebruch muss sich Tatum sein Geld bei einer kleinen Lokalzeitung in New Mexico verdienen. Als er während der Recherche über ein für ihn belangloses Klapperschlangen-Wettrennen von einem Mann erfährt, der auf der Suche nach indianischen Artefakten in einer Höhle eingeschlossen wurde, sieht er die Chance auf ein Comeback: Er zögert die Rettungsmaßnahmen heraus, um den Unfall zu einer nationalen Tragödie aufzuplustern und seine Sensations-Reportage so landesweit verkaufen zu können. Während der Begrabene ums Überleben ringt, und Tatum ihn erbarmungslos befragt, versammeln sich draußen die ersten Schaulustigen und Nachrichtenteams.


   Dem breiten Publikum ist Billy Wilder vor allem durch Komödien wie "Das verflixte 7. Jahr” (1955) und dem Berlin-Klassiker „Eins, Zwei, Drei“ (1961) mit James Cagney und Horst Buchholz, oder Dean Martins „Küss mich, Dummkopf“ (1964) in Erinnerung geblieben. Doch den 1906 in Sucha, Österreich-Ungarn geborene Wilder, dessen Eltern in Auschwitz umkamen und der selbst vor den Nazis aus Berlin nach Hollywood floh, interessierte auch immer die andere Seite der menschlichen Psyche. Bereits sechs Jahre vor ACE IN THE HOLE drehte er den Oscarprämierten Film „Das Verlorene Wochenende“ (1945) über einen alkoholabhängigen Schriftsteller. Fünf Jahre später erntet Wilder Tobsuchtanfälle von Hollywoods Mächtigen und Insidern, als er mit der dunklen Satire „Boulevard der Dämmerung“ (1950) die Mechanismen der Traumfabrik bloßstellt.



   Man könnte meinen Wilder hätte damals gefallen an Zornesausbrüchen gefunden. Denn ACE IN THE HOLE ist viel mehr nur als Kritik an den Praktiken der Presse. Eine zur Schaustellung des menschlichen Verhaltens, über Angst, Habgier und Sensationslüsternheit, in der Wilder der gesamten Menschheit den Spiegel vorhält. Bekannt für seinen beißenden Humor, konnte Wilder sich einen selbst bei heutigem Standart makaberen Film-Höhepunkte offenbar nicht verkneifen: Als am Fuße der eingestürzten Höhle ein Jahrmarkt auffährt, verkommt der inzwischen angestaute „Medien-Zirkus“ zu einem tatsächlichen Zirkus inklusive Eintritt, Buden und hell erleuchtetem Riesenrad. Neben dieser zeitgemäßen Medienkritik offenbart ACE IN THE HOLE eine der eindringlichsten Leistungen Kirk Douglas. Von jeher fleischgewordenes Nitroglyzerin, tigert Douglas über die Leinwand wie eine ausgehungerte Raubkatze, die ihre Beute gewittert hat. Seine Darbietung ist so beängstigend-brutal, so kurz vor dem explodieren, dass man am Ende der 111 Filmminuten eingeschüchtert im Kinositz wimmert.


   Insgesamt 21 Mal wurde Billy Wilder im Laufe seiner Karriere für die Preise der Academy Awards vorgeschlagen. Sechs Mal konnte er den begehrten Oscar mit nach Hause nehmen. Bei ACE IN THE HOLE reichte es zwar „nur“ für die Nominierung „Bestes Originaldrehbuch“, doch auch ohne Auszeichnung ist der Film einer von Wilders Besten: „Ein kompromissloses Portrait der menschlichen Natur von ihrer schlimmsten Seite,” wie ein US-Magazin einst treffend schrieb.
E.F. Kaeding



Info: Das Babylon Kino in Berlin Mitte zeigt ACE IN THE HOLE am Dienstag den 18. Januar 2011, um 22 Uhr, zusammen mit zahlreichen anderen Werken des 2002 gestorbenen Regisseurs, in der BE BILLY WILDER Retrospektive vom 14. Januar bis 6. Februar.

 
 
 
 
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  MMM/Januar 2011  
 
 

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