MEANSMOVIE Filmmagazin aus Berlin  

MMEANSMOVIE Filmmagazin Berlin ©     6.Jahrgang Februar/07 
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Essay: Film in Deutschland
Von Frederik Lang


 
Dem deutschen Film scheint es blendend zu gehen. Der Jahresbericht der FFA zum Kinojahr 2006 weist 25,8 Prozent Marktanteil aus, so viele deutsche Filme mit Kinostart wie seit Jahren nicht mehr 1 und auch auf der Berlinale wird seit Beginn der Ära Dieter Kosslick der deutsche Film gefeiert und gepflegt. Dazu noch ganz frisch einen Oscar und zum dritten Mal in vier Jahren der Gewinn des Europäischen Filmpreises. 2

Einen Schlüsselmoment für den Wiederaufstieg des deutschen Films zu finden ist schwierig. Die ersten Anzeichen finden sich rückblickend wohl im Komödien- und später im Multiplexboom der 90er Jahre. Die Veränderung der Filmförderlandschaft in dieser Zeit, wie auch das Erstarken der privaten TV-Sender führten neben dem Engagement der führenden Hollywoodstudios zu veränderten Rahmenbedingungen. Sabine Hake sieht hier eine Dualität: „[...] was einige als notwendigen Professionalismus begrüßten, andere als exzessive Kommerzialisierung brandmarkten“ 3 führte zu steigenden Besucherzahlen und einem erhöhten Marktanteil deutscher Produktionen – letztendlich gipfelnd in den 25,8 Prozent des vergangenen Kinojahres.

Seit einiger Zeit ist „zu Recht viel die Rede von der Erneuerung und dem Wiedererstarken des deutschen Kinos,“ 4 nicht nur des kommerziellen, sondern auch die Herausbildung eines neuen Autorenkinos. Als Speerspitze wird in der Filmpublizistik gern die Berliner Schule 5 genannt – in Frankreich als Nouvelle Vague Allemande 6 fast noch mehr gefeiert.

Der Blick von außen

Die Außenperspektive, speziell hier die französische Sicht, lässt noch etwas mehr zur Situation des deutschen Films feststellen. Jahre von fast völligem Desinteresse zusammenfassend, die ersten Zeilen der Cahiers du Cinéma Kritik zum französischen Kinostart von Die innere Sicherheit: „A ceux qui ressassent la mort du cinéma allemand, Contrôle d’identité apporte un vrai démenti.“ 7 In der Folge schaffte es mit Good Bye Lenin nicht nur eine deutsche Komödie in Frankreich mehr als 1,2 Millionen Kinobesucher zu erreichen, Hannes Weingartners Die fetten Jahre sind vorbei war 2004 nach mehr als zehn Jahren der erste deutsche Film im Wettbewerb von Cannes. Und, eine ganze Reihe von deutschen Filmen, vor allem der Berliner Schule, starteten in französischen Kinos.

 
Große Zuschauerzahlen werden diese Filme zwar nicht erreichen, aber ein relativer Publikumserfolg ist durchaus zu erkennen – bspw. Milchwald (Christoph Hochhäusler, 2002) hatte mit 10.000 Besuchern in Frankreich deutlich mehr Zuschauer als in Deutschland. Und, die Filme der Nouvelle Vague Allemande zogen vor allem positive publizistische Reaktionen nach sich. 8
"Milchwald" von Christoph Hochhäusler    


Das Ansehen des deutschen Films in Frankreich lässt sich natürlich nicht eins zu eins nach Deutschland reimportieren, doch spiegelt es durchaus auch eine Statusänderung in Deutschland selbst wieder.

Dieses Kino ist (noch) auf Festivals erfolgreicher als in den Lichtspieltheatern, aber es ist auch in unserer Wahrnehmung angekommen“ 9 schreibt Rudolf Worschech im epd Film Sonderheft 'Was tut sich – im deutschen Film?'. Ebenso wird auch aus anderen Ländern eine verstärkte Aufmerksamkeit auf den deutschen Film gerichtet, wie Noah Cowan, Co-Director des Toronto Film Festivals in seinem Essay 'Germany and Australia: Sleeping Giants Awake' schreibt: „The last few years, however, have seen the re-emergence of fascinating and unique cinemas from these very different nations, arising from identifiably grouped, like-minded directors.“ 10 Die starke Präsenz und die zunehmende Anzahl von Preisen auf internationalen Festivals bestätigen diesen Trend.11

Vielfalt und Verfügbarkeit

Die Zeiten, in denen es nur ein Genre gab, wie Mitte der Neunzigerjahre die Beziehungskomödien, sind endgültig vorbei.“ 12 Man kann konstatieren, dass es für den (deutschen) Zuschauer wohl nicht mehr so in Mode ist wie einst, den deutschen Film von vornherein abzulehnen. Denn diejenigen, die den Autorenfilm der 70er-Jahre-Prägung verteufelten, haben ansehnliches Unterhaltungskino zur Verfügung und diejenigen, die die Beziehungskomödien einst verachteten, haben die Berliner Schule oder zumindest anspruchsvolles Autorenkino bekommen.

 
Mit den Worten des Filmemachers Christian Petzold: „Mainstream muss eingebettet sein in Vielfalt.“ 13 Was der Jahresbericht 2006 der FFA bestätigt: „Dabei lautet die deutsche Erfolgsformel ganz klar: Vielfalt. [...]

Klar marktorientierte Produktionen wie die international besetzte Bestselleradaption Das Parfum/Die Geschichte eines Mörders oder das Comedy-Sequel 7 Zwerge – Der Wald ist nicht genug wurden ergänzt von viel beachteten Qualitätsfilmen der Regiemarke Dresen, Schmid oder Roehler, aber auch von ambitionierten Erstlingen wie dem preisverwöhnten Das Leben der Anderen oder der Dauerbrennersensation Wer früher stirbt ist länger tot.“ 14
"Yella" von Christian Petzold    


Wie schon erwähnt, ist eine deutliche Steigerung an Kinostarts von deutschen Filmen festzustellen. 15 Allerdings gibt es auch eine immer stärkere Aufsplitterung zwischen Kleinverleihern und den Majors, deren Filme mit enormer Kopienanzahl und Marketingaufwand in die Kinos gepresst werden. „Die Majors machen aus jedem Film ein Event,“ 16 was mehr und mehr dazu führt, dass Filme ohne diese massive Präsenz im öffentlichen Raum sehr schnell übersehen werden, „über die Sichtbarkeit der Filme entscheidet heute das Marketing.“ 17 Zudem führte die enorme Konzentration der verfügbaren Leinwände auf Multiplexkinos der großen Ketten zu einer vor allem in ländlichen Gebieten spürbaren Reduktion der Vielfalt. Es mögen zwar mehr kleine und ungewöhnliche deutsche Filme den Weg ins Kino finden, doch bleibt die Sichtbarkeit zumeist auf einige wenige Großstädte und allenfalls noch ein paar Kommunale Kinos beschränkt – und zumeist auch auf einen sehr kurzen Zeitraum. Festivals bieten einen alternativen Ort um sich Filme auf großer Leinwand anzusehen.

Andere Medien wie Fernsehen, DVD oder in Zukunft Vertriebswege über das Internet stellen sicherlich ebenso Alternativen dar. In wie weit dies für passionierte Zuschauer und Fachleute gilt bleibt offen: „Das gemeinsame Schauen, dieser seltsame, massenhypnotische Prozess vor großer Leinwand wird minimalisiert. Das Bild schnurrt zusammen auf das winzige Rechnerviereck oder die Fernsehbriefmarke.“ 18 „Und jenem Taumeln, den eigenen Körper erst Zurückverwandeln, die Straßenwirklichkeit allmählich Wiederfinden nach einem intensiven Kino – entspricht nach einem Film im Fernsehen der Gang zum Kühlschrank und aufs Clo [sic!].“ 19
 

Nach dem Nachwuchsfilm

In Bezug auf das Forum des jungen Films der Berlinale 2006
schrieb Susan Vahabzadeh in der Süddeutschen Zeitung:

Das Forum (des jungen Films) ist sozusagen das Labor fürs Mainstreamkino der Zukunft.20 Dieser Satz lässt sich möglicherweise auch auf den (deutschen) Nachwuchsfilm übertragen. Doch was geschieht mit den Labor-Filmemachern, wenn sie den eingeschlagenen Weg fortsetzen möchten?

Es ist schwierig einen ersten Film zu machen und einen zweiten und vielleicht auch einen dritten, aber es ist fast einfacher als einen vierten Film zu machen. Es gibt extrem viel Nachwuchsförderung [...] danach wird man allein gelassen“ 21 stellt die Regisseurin Isabelle Stever fest, und Linda Söffker, Programmkoordinatorin der Reihe Perspektive Deutsches Kino der Berlinale, ergänzt, „wenn das alles [die Nachwuchsinitiativen] vorbei ist, fällt man in ein großes Loch.“ 22 Es gibt in Deutschland eine Konzentration der Förderinitiativen auf den Nachwuchsfilm. Den Filmemachern wird in diesem Rahmen sehr viel künstlerische Freiheit gelassen. Im Selbstverständnis der Sender und in Interviews mit Redakteuren wird immer wieder von Freiraum und der Entwicklung einer Handschrift gesprochen. 23

Die Filmemacher werden allerdings nach Ausschöpfen dieser Möglichkeiten mit einer im Verhältnis zu ihrem bisherigen Spielraum harten Situation konfrontiert. Denn die Fernsehsender unterstützen nur vergleichsweise wenige Projekte von etablierten Filmemachern mit ähnlichen künstlerischen Freiheiten wie bei den Nachwuchsprojekten. Für die Sender steht ganz klar im Vordergrund, über die Freiheiten der Nachwuchsplätze individuelle Handschriften von Filmemachern zu finden, um neue Impulse für ihre Hauptsendeplätze zu bekommen. Aus Sicht von Filmemachern wie Isabelle Stever sieht es mitunter anders aus: „Fernsehgeld kriegt man entweder als Debütant oder als Formatbediener [...] es gibt kein künstlerisches Kino das protegiert wird [...] Diese Fenster für so genannte innovative Sachen abseits des Mainstreams, die sich nicht nach vorgegebenen Mustern orientieren, die sind für den Nachwuchs reserviert.“ 24

Konkreter beschreibt es der Regisseur Nicolai Albrecht: „Allein 25 [...] ist ein besonders gutes Beispiel für einen Debütfilm, weil ich mir unsicher bin, ob man so ein Thema irgendwie anders produzieren könnte. [...] wenn man nicht den Vorsprung eines Debütfilms hat, wäre der Film nicht unbedingt produziert worden.“ 26 Der Filmemacherseite steht wiederum die Redaktionsseite gegenüber:

 
„Man kann nicht zwei, drei, vier, fünf Debütfilme machen, irgendwann ist man halt erwachsen und muss sich den Marktgesetzen stellen. Und man muss dann schauen, wie man das macht und kommt aus dieser Schonzone des Debüts raus.“ 27 Und im Gegensatz zu den meisten anderen Filmländern erhalten in Deutschland sehr viele Absolventen von Filmhochschulen die Möglichkeit einen langen Film zu drehen.
"Mitfahrer" von Nicolai Albrecht    

Eine Art Auslese findet erst später statt. Man bewegt sich hier in einem Spannungsfeld in dem die Frage auftaucht, in wie weit es sinnvoll ist, eine stärkere Kommerzialisierung und Marktorientierung des deutschen Films voranzutreiben, oder um der Vielfalt willen, die schon beträchtlichen Subventionen auszubauen. Im zweiten Fall hieße das, damit den anspruchvollen Film in die Nähe von Oper und Theater zu rücken und ihn als schützenswertes Kulturgut anzuerkennen, das nur marginal kommerziellen Interessen zu dienen hat.

 
 Der Autor und der Text


Frederik Lang ist Student an der Universität der Künste Berlin. Außerhalb des Studiums trifft man ihn sehr häufig im Kino an und er schreibt für Recherche Film und Fernsehen – Zeitschrift der Deutschen Kinemathek.
Dieser Text entstand als grundlegender Essay im Rahmen eines Projektes für einen neuen Auftritt der Debütfilmreihe des WDR – noch (un)bekannt als Avanti Debütanti.

  LINKS

http://www.daserste.de/debut/
http://www.berlinale.de/
http://www.ffa.de/ Filmförderungsanstalt
http://www.europeanfilmacademy.org


Fußnoten
     
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