In diesem Jahr können Deutschland und die Türkei ein gemeinsames Jubiläum feiern: am 31. Oktober jährt sich zum 50. Mal der Abschluss des Anwerbeabkommens zwischen der Türkei und der Bundesrepublik Deutschland. Damit begann eine Migrationsbewegung, deren Verlauf die Geschicke beider Staaten, zwischen denen es bereits vorher immer wieder Berührungspunkte gegeben hatte, eng miteinander verzahnte und die beide Länder nachhaltig veränderte.
Die Türkische Filmwoche Berlin nimmt den Jahrestag zum Anlass,der Geschichte des „deutschtürkischen“ Filmemachens eine kleine Hommage zu widmen. Weitere 14 aktuelle Spielfilme zeigen, wie türkische Filmemacher heute ihre ihre Gesellschaft betrachten. Dabei geht die Tendenz weg von plakativen politischen Botschaften zum subtilen Portrait gesellschaftlicher
Normalitäten. Die Filme des diesjährigen Programms der Türkischen Filmwoche Berlin zeigen ein subtiles Kaleidoskop gesellschaftlicher Portraits und künstlerischer Zwischentöne, Einblicke in die mehrfache Normalität eines multikulturellen Landes, in die interkulturellen persönlichen Befindlichkeiten zwischen Deutschland und der Türkei, türkisch, armenisch und kurdisch, christlich und muslimisch, hetero- und transsexuell, urban und ländlich.
Filmemacher in beiden Ländern haben sich in der Vergangenheit immer wieder mit deutschtürkischen Themen beschäftigt, aktuell der Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „ALMANYA – WILLKOMMEN IN DEUTSCHLAND“, in dem Kernfrage eines jeden Migranten nach der Identität mit subtiler Ironie auf den Punkt gebracht wird. In Deutschland lebende Filmemacher mit familiären Wurzeln in der Türkei reflektieren das Thema ebenfalls oft spielerisch, bürsten, wie Ayşe Polats aktueller „LUKS GLÜCK“, deutsch-türkische Klischees gegen den Strich. Mit Schwarzem Humor gegen Vorurteile – inzwischen eine filmische Tradition, die in den 1990er Jahren mit Filmen wie „BERLIN IN BERLIN“ begann, dessen satirisch überspitzter Plot um einen in den Wandschrank einer türkischen Familie geferchten deutschen Ingenieur wider den Ernst des neuen deutschen Problemfilms angeht. Mit einer kleinen Hommage widmet sich die diesjährige 9. Türkische Filmwoche Berlin der deutschtürkischen Filmgeschichte, deren Beiträge als alltagsgeschichtliche Reflektionen und Kommentare zu den widersprüchlichen politischen Diskursen um die Einwanderung zu verstehen sind.
LOLA UND BILIDIKID
BERLIN IN BERLIN
DER CLUB DER VERSAGER
Ein Blick in die Gegenwart des zeitgenössischen türkischen Kinos zeigt den Weg in die Normalität. Weg von wuchtigen Themen wie Ehrenmord und religiösem Fanatismus, wenden sich Filmemacher aus der Türkei den Gefühlen des Alltags zu. Liebe, Sehnsucht und die Melancholie des Augenblicks dominieren den diesjährigen Themenkatalog, ob als Portrait der Einsamkeit der Männer wie in „CLUB DER VERSAGER“ über die Macher eines unkonventionellen privaten Radiosenders oder dem kammerspielartigen „SCHWARZWEISS“, einem schrullig-wahrhaftigem Kneipenportrait aus dem urbanen Kiez. Immer wieder werden dabei die traditionellen Stärken des türkischen Autorenkinos ausgespielt: behutsame Charakterstudien wie in Seyfi Teomans diesjährigem Berlinale-Wettbewerbsbeitrag „UNSERE GROSSE VERZWEIFLUNG“, das Verhältnis der Menschen zur Natur wie in „WEISS WIE SCHNEE“, dessen 9jähriger Protagonist mit der widerborstigen Faszination der beeindruckenden Wälder im Hinterland der Schwarzmeerküste zurechtkommen muss, und das Für und Wider Jahrtausende alter multikultureller Traditionen wie in dem Episodenfilm „GESCHICHTEN AUS KARS“, der einen Blick auf das Leben in der Grenzregion zu Armenien wirft, oder „SIEBEN HINTERHÖFE“, einem kenntnisreichen Portrait der faszinierenden südtürkischen Küstenstadt Antakya, gelegen zwischen Mittelmeer und syrischer Grenze.
Erneut haben der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, und der türkische Generalkonsul in Berlin, Mustafa Pulat, die Schirmherrschaft für die Türkische Filmwoche übernommen. Eröffnet wird das Festival am 7.4.2011 mit „DER CLUB DER VERSAGER“ im Cinema Paris, anschliessend sind die Filme bis 16.4. im Charlottenburger Broadway-Kino und im Kreuzberger Babylon zu sehen. Zahlreiche Gäste aus der Türkei stehen nach den Vorführungen für Filmgespräche zur Verfügung. Am 8.4. wird sich eine Podiumsdiskussion um 17:30 Uhr im Broadway mit aktuellen künstlerischen und inhaltlichen Tendenzen des türkischen Kinos um dem Stand der deutsch-türkischen Filmbeziehungen beschäftigen.
9. Türkische Filmwoche Berlin
07.04. bis 16.04.2011