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Das
Berliner Filmmuseum zeigt ab 20. Dezember 2007 bis April
2008 in einer Sonderausstellung die Geschichte eines Genres,
das in den Jahren 1929 bis 1933 eine kurze Blütezeit erlebte.
Zu sehen sind Originalpartituren, Drehbücher, Schmuckalben
zu Premieren, Kostüme und Plakate von Filmoperetten. In
drei nachbebauten Kinos ist die Bandbreite der damaligen
Aufführungspraxis vom kleinen Ladenkino bis zum luxuriösen
Filmpalast zu erfahren. Insgesamt 55 Ausschnitte aus Filmen
wie "Die Drei von der Tankstelle" (1930, Regie Wilhelm
Thiele), "Der Kongress tanzt" (1931, Regie Erik Charell), "Ich
bei Tag und du bei Nacht" (1932, Regie Ludwig Berger) und "Ein
blonder Traum" (1932,
Regie Paul Martin) werden gezeigt.
Film
und Musik gehören von Anfang an zusammen: Schon die ersten
Vorführungen der Filmpioniere werden von Klaviermusik begleitet.
In den zwanziger Jahren etabliert sich um den Stummfilm
eine reiche musikalische Kultur. In großen Filmpalästen
werden Orchester eingesetzt und aufwändige Rahmenprogramme
gestaltet. Im Allgemeinen jedoch ist die »musikalische
Illustration« der Filme oft nur eilig aus vorhandenen Melodien
zusammengeflickt. Schon der stumme Film greift Stilmittel
der modernen Bühnenoperette aus einem weiten Spektrum zwischen
Walzer und Jazz auf:
EIN WALZERTRAUM (1925, Ludwig Berger)
spielt ironisch mit Wien- Klischees, DIE KEUSCHE SUSANNE
(1926, Richard Eichberg) setzt den Vergnügungstrubel der
Großstadt ins Bild. Früh versucht man, Film und Musik zu
synchronisieren. Doch bleibt es lange schwierig, Grammophon
und Filmbild in Gleichlauf zu bringen. 1927 wird in den
USA mit THE JAZZ SINGER (Alan Crosland) der erste erfolgreiche
Nadelton-Spielfilm herausgebracht. Das konkurrierende Lichttonverfahren,
bei dem der Ton direkt auf dem Filmstreifen aufgezeichnet
werden kann, zeigt sich bald als überlegen. ICH KÜSSE IHRE
HAND, MADAME (1929, Robert Land) präsentiert mit einer
Gesangseinlage Richard Taubers diese neue Technik erstmals
im Spielfilm. Die Ära des Tonfilms beginnt.
DIE
TONFILMOPERETTE 1929, in der Übergangsphase vom Stumm-
zum Tonfilm, kreiert die deutsche Filmindustrie die Tonfilmoperette.
In Filmen wie DIE DREI VON DER TANKSTELLE (1930, Wilhelm
Thiele) wird gesungen und getanzt, wobei die Gesangseinlagen,
ähnlich wie bei der Bühnenoperette, in die Handlung integriert
sind. Die Musik dieses Genres triumphiert in den Kinosälen
und erreicht Millionen, ihre Verbreitung durch Radio und
Schallplatte steigert die Popularität beliebter Leinwandstars
wie Lilian Harvey und Willy Fritsch. Die Ufa-Produktionsgruppe
um Erich Pommer mit dem Komponisten Werner Richard Heymann
ist ein besonders kreatives Zentrum für die Herstellung
dieser Erfolgsfilme.
1927 aus Hollywood nach Deutschland
zurückgekehrt, bringt Pommer von dort das Instrument der
Drehpläne mit, welches eine effektive Arbeitsorganisation
ermöglicht. Zeitgleich wird in den von der Ufa errichteten
Babelsberger Tonfilmstudios das Lichttonverfahren verfeinert.
Für den internationalen Markt entstehen am selben Set französische
und englische Sprachfassungen. So werden Tonfilmoperetten
wie DER KONGRESS TANZT (1931, Erik Charell) zu Welterfolgen.
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| Lilian Harvey |
EIN BLONDER
TRAUM, |
EIN
TANGO FÜR DICH |
Käthe von Nagy als Grete |
KRISE Die Einführung des Tonfilms in Deutschland vollzieht sich
vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen und politischen
Krise: Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, politische Instabilität
bestimmen den Alltag vieler Menschen. Das Kino bietet für
wenige Stunden eine Ablenkung von diesen Sorgen: »Irgendwo
auf der Welt gibt’s ein kleines bißchen Glück«, singt Lilian
Harvey in EIN BLONDER TRAUM (1932, Paul Martin),»Einmal
schafft’s jeder!«, trällern die radelnden Fensterputzer
im selben Film.
Der zeitgleich entstandene kommunistische
Film KUHLE WAMPE ODER WEM GEHÖRT DIE WELT? (Slatan Dudow)
hingegen zeigt, wie sich Arbeitslose auf der Jagd nach
Arbeit verzweifelt auf ihren Fahrrädern abstrampeln.Die
Themen des Alltags werden in zahlreichen Tonfilmoperetten
nicht völlig ausgeblendet: Die Hauptfiguren sind Ladenmädchen,
Fensterputzer, Kellner oder stellungslose Schauspieler.
Sie sind auf der Suche nach dem privaten Glück, stellen
bisweilen das soziale Gefüge und das Verhältnis der Geschlechter
in Frage. Das Happy End wird oft mit einem ironischen Augenzwinkern
inszeniert..
GROSSSTADTLICHTER Die Tonfilmoperette ist geprägt durch die großstädtische
Kultur der Weimarer Republik, deren Kreativität sich in der
Metropole Berlin konzentriert. Friedrich Hollaender und Werner
Richard Heymann bringen den satirischen Witz des Kabaretts
in den Film ein. Frivolität, Raffinesse und der parodistische
Umgang mit Modeerscheinungen entsprechen dem Geist der Revue-
und Operetteninszenierungen Erik Charells.Die Lewis-Ruth-Band
begleitet nicht nur die Uraufführung von Brecht/Weills »Dreigroschenoper«
(1928), sondern spielt auch im Film DIE DREI VON DER TANKSTELLE
(1930, Wilhelm Thiele), der die Zuschauer in die Welt mondäner
Nachtklubs mitnimmt.
Als Ausdruck wilden Großstadtlebens
hält der Jazz, von afroamerikanischen Künstlern in Europa
verbreitet, Einzug in Filme wie EINBRECHER (1930, Hanns Schwarz).
Auch die Matadore der Salonorchester wie Marek Weber, Dajos
Béla und Leo Monosson sind auf der Leinwand zu sehen. IHRE
MAJESTÄT DIE LIEBE (1931, Joe May) und andere Tonfilmoperetten
spiegeln den Glanz der Tanzpaläste wider. Doch erscheint
die Welt der Reichen oft ironisch gebrochen: Auch bei ihnen
klopft schon der Gerichtsvollzieher an.
WALZERTRÄUME Wien ist neben Berlin die zweite Inspirationsquelle der
Tonfilmoperette. Doch während Jazz und Kabarett für das
Berliner Lebensgefühl stehen, prägen Heurigenromantik und
Dreivierteltakt das Bild von Wien. Das »Alt Wien« der k.u.k.
Monarchie stellt in Zeiten der wirtschaftlichen Krise für
die Tonfilmoperette ein verlorenes Paradies, eine heile Welt
dar. Die Einführung des Tonfilms markiert in Wien zugleich
den Niedergang der Operettenkultur. Aus Unterhaltungsbühnen
wie dem »Apollo« werden Lichtspielhäuser. Im ehemaligen Johann
Strauß- Theater, nun Lichtspielpalast »Scala«, findet 1931
die Uraufführung von Erik Charells DER KONGRESS TANZT statt.
Künstler wie der Komponist Robert Stolz, die Schauspieler
Willi Forst und Paul Hörbiger und der Autor Walter Reisch
verlassen die Donaumetropole und wechseln zum deutschen Film.
Viele von ihnen arbeiten in Berlin für die kleine Super-Film
GmbH, die 1930 mit ihrer ersten Tonfilmoperette ZWEI HERZEN
IM ¾ TAKT (Regie: Geza von Bolvary) der Ufa Konkurrenz zu
machen beginnt. Während Filme wie DER KONGRESS TANZT (1931)
oder ICH UND DIE KAISERIN (1933, Friedrich Hollaender) die
Wien-Klischees zwar bedienen, aber auch ironisch brechen,
frieren die in Wien spielenden Tonfilmoperetten nach 1933
die Stereotype ein. Carl Lamačs Verfilmung der Operette IM
WEISSEN RÖSSL (Österreich/Deutschland 1935) domestiziert
alles Frivole und Groteske. Die jüdischen Urheber des Stücks
bleiben ungenannt.
Ausstellung 20. Dezember 07 bis 27. April
08
Ort Museum für Film und Fernsehen im Filmhaus, 1. OG
Potsdamer Straße 2, 10785 Berlin
http://www.deutsche-kinemathek.de Tel. 030/300903-0, Fax 030/300903-13
Filmreihe ab 20. Dezember
07 Kino Arsenal im Filmhaus, 2. UG http://www.fdk-berlin.de
Publikationen
Begleitbuch „Wenn ich sonntags in mein Kino geh’.
Ton-Film-Musik
1929-1933“ inklusive CD „Wenn ich sonntags in mein Kino
geh’. Ton-Film-Musik 1929-1933“
Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, Donnerstag
10 bis 20 Uhr Feiertage 24.12. geschlossen, 25., 26., 31.12.
geöffnet, 1.1.08 ab 12 Uhr Eintritt 4 Euro / 3 Euro ermäßigt
6 Euro / 4,50 Euro ermäßigt inkl. Ständige Ausstellungen
3 Euro Schüler 12 Euro Familienticket (2 Erwachsene mit Kindern)
6 Euro Kleines Familienticket (1 Erwachsener mit Kindern)
Führungen Anmeldung »FührungsNetz«: T 030/24749-888 |