Als Filmemacher finde ich es spannend, mich in die Perspektive meines Gegenübers hineinzuversetzen, mit ihm zu erleben und zu fühlen. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir durch aufmerksames Hinschauen viel über andere Menschen – und über uns selbst – erfahren können. Besonders interessieren mich Themen, bei denen unser Zusammenleben auf die Probe gestellt wird, wo Menschen sich für andere einsetzen, um ein Miteinander zu schaffen, das von Würde und Wertschätzung geprägt ist. Damit dies gelingt, müssen wir bereit sein, uns auf die Realität der anderen einzulassen, ihre Lebenssituationen anzuerkennen und ihnen mit Verständnis und Anerkennung zu begegnen. Das erfordert, einen Schritt aufeinander zuzugehen und die Hand auszustrecken. Gerade in unserer heutigen Zeit halte ich es für wichtiger denn je, sich in die Lage des Gegenübers hineinzuversetzen.
Für meinen Film „Das fast normale Leben“ habe ich mich gefragt: Wie sieht der Alltag junger Menschen in einer Wohngruppe der Jugendhilfe wirklich aus? Was treibt sie an, welche Träume und Wünsche haben sie? Welche schmerzlichen Erfahrungen prägen ihr Leben, und wie können sie es schaffen, trotz widriger Umstände ihren eigenen Weg zu finden, sich selbst wertzuschätzen und ihr volles Potential zu entfalten? Ich habe vier beeindruckende Mädchen kennengelernt, jede mit einer einzigartigen und kraftvollen Persönlichkeit. Es war nicht allein ihre Lebensgeschichte, die mich berührte, sondern vor allem die Möglichkeit, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen und ihre Wünsche, Ängste und Verhaltensweisen nachzuvollziehen. Ich glaube, dass der erste Schritt, um Menschen in schwierigen Lebensphasen zu unterstützen oder sie zu begleiten, in Verständnis und Empathie liegt. Anerkennung und Wertschätzung bilden die Grundlage, damit diese jungen Menschen das Vertrauen in sich selbst entwickeln oder wiedererlangen können, um damit in die Lage versetzt zu werden ihre Potentiale für sich zu nutzen. Stefan Sick Regie |